#61 | Die Krux mit dem Konsens

(c) Barbara Nobis | pixelio.de
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Ein Team bestehend aus 10 Personen soll sich entscheiden, an welchem Tag zu welcher Uhrzeit für welche Dauer und in welchem Intervall eine Teamsitzung stattfinden soll. Kennen Sie solche Situationen? Wir reden hier also nicht von einer einfachen Entweder-oder-Entscheidung. Es gibt vier Aspekte, über die ein Konsens gefunden werden muss. Wenn Sie nun in einem Team arbeiten, in dem dies keine langwierigen Entscheidungsprozesse auslöst, beglückwünsche ich Sie.

Die Methode „Systemisches Konsensieren“ (SK-Prinzip) möchte ich Ihnen heute vorstellen, falls Sie noch nicht davon gehört haben. Die Methode ist sehr angenehm, wenn es um komplexe Entscheidungen geht, die für die Zukunft tragfähig sein sollen.

Problem beim Abstimmen

„Stimmen wir doch einfach ab!“ – Früher oder später kommt das Bedürfnis eines Teams mit diesem Satz zum Tragen, einer Endlos-Diskussion und Überzeugungsdebatte ein Ende zu bereiten. Abstimmungen funktionieren oft gut, vor allem wenn eine Differenzierung mit Gewichtungen noch hinzu kommt („Punkte kleben“). Was aber, wenn die Abstimmung zu o.g. Situation folgendes Ergebnis erbringt:

Das Team stimmt zunächst über den Tag ab und kommt zu folgendem Ergebnis:

  • Montag: 0 Stimmen
  • Dienstag: 4 Stimmen
  • Mittwoch: 2 Stimmen
  • Donnerstag: 3 Stimmen
  • Freitag: 1 Stimme

Sieht doch wie ein klares Ergebnis aus! – Nein. Von 10 Personen haben sich vier für Dienstag entschieden, sechs nicht – die Mehrheit ist dagegen. Das Ergebnis ist also nicht tragfähig.

Abstimmen suggeriert, dass sich eine Mehrheit entscheidet. In diesem Fall hat eine Option die meisten Stimmen bekommen, aber keine Mehrheit.

Wille zum Konsens

Es ist nicht sinnvoll, das Ergebnis durchsetzen zu wollen. Die Teamsitzungen werden immer unter einem ungünstigen Stern stehen (über Uhrzeit, Dauer und Intervall haben wir noch gar nicht entschieden). In manchen Teams beobachte ich ein „Basta“-Verhalten: Diese Abstimmung wird durchgesetzt, meist mit der Unterstellung, zu keiner anderen Lösung sei ein Wille da gewesen. Empfehlung für die Teamleitung: Lassen Sie die Teamsitzung besser ausfallen.

Eine Abstimmung auf sachlicher Basis ist oftmals sehr schwer, weil im Vorfeld immer um verschiedene Positionen geworben wird, die als „beste Lösung“ deklariert wird. Dabei versuchen die Vertreter dieser „besten Lösung“, ihre Präferenz schmackhaft zu machen. Das Vorgehen ist legitim, wenn auch nicht optimal. Wenn die Teamleitung seine eigene Präferenz offen mitteilt, werden einige Mitglieder zustimmen, selbst wenn die persönliche Präferenz eigentlich eine andere ist.

(Terminwahl ist ein recht nüchternes Thema: Stellen Sie sich die Diskussion und Entscheidung von Ideen vor. Da kommen noch Leidenschaft und Selbstdarstellung als Würze hinzu.)

Setzen wir mal voraus, das Team möchte einen tragfähigen Konsens erzielen. Der Wunsch ist in den allermeisten Fällen vorhanden. „Tragfähig“ bedeutet, die Terminwahl nicht mehr in Frage zu stellen, oder bei einer emotionalen Diskussion als Joker-Argument aus dem Ärmel zu ziehen („…und außerdem war ich ja von Anfang an gegen diesen unsinnigen Termin.“).

Ermitteln Sie Widerstände statt Zustimmung

Je höher der Widerstand bezüglich einer Option, desto weniger ist sie tragfähig für die Zukunft. Das ist der Grundgedanke des SK-Prinzips. Dementsprechend werden Punkte von 0 bis 10 verteilt.

0 Punkte: Kein Widerstand. Die Option wird favorisiert.

10 Punkte: Hoher Widerstand: Die Option geht gar nicht.

Die Punkte 1 bis 9 werden innerhalb dieser Skala vergeben. Je höher die Zahl, desto höher der Widerstand. Die Person trifft damit eine persönliche Gewichtung. Es gibt also nicht nur schwarz-weiß, sondern auch Grauzonen („damit könnte ich auch leben“). Wichtig: Die Gewichtung muss nicht rechtfertigt werden!

Es gibt bei 0-10 insgesamt elf Nuancen. Es müssen nicht alle vergeben werden, denn sonst müssten Sie elf Optionen erzwingen.

Die Vorgehensweise besteht aus folgenden Schritten:

  1. Sachliche Vorstellung der Option
  2. Stille Entscheidung jedes einzelnen
  3. Konsens berechnen

Sachliche Darstellung

Welche Optionen stehen zur Auswahl? – Die Teammitglieder brauchen eine Auswahl, die ohne Suggestion dargestellt wird.

Bei der Terminwahl ist Sachlichkeit relativ einfach: wir nehmen die Wochentage kombiniert mit einer Morgen- und einer Nachmittag-Einteilung. Diese Kombination ist für viele schon ein Entscheidungskriterium: „Dienstag kann ich, aber nicht morgens“. (In der Abstimmung oben würde die Person sich nicht für den Dienstag entscheiden.)

Bei Ideen ist Sachlichkeit schwierig. Teilen Sie den Ideengebern Redezeit zu und geben Sie vor, wozu sie sich äußern sollen. Welche Fakten gewünscht sind, kann vorab besprochen werden. Es geht dann nicht mehr darum, wer am besten andere mitreißen kann oder die beste Präsentation hält.

Ziel: Diejenigen, die eine Auswahl treffen sollen, bekommen Informationen zu den Optionen, um sich ein Bild zu machen. Fragen sollen selbstverständlich gestellt werden dürfen, vermeiden Sie jedoch Diskussionen.

To do: Notieren Sie alle Optionen und nummerieren Sie sie. Am besten ist eine Darstellung (ohne visualisierende Mittel, Farben können schon manipulativ wirken) am Flipchart oder eine Liste per Beamer, so dass ein Überblick entsteht.

Stille Entscheidungen über Widerstände

Wie oft haben Sie bei Entscheidungen schon die Meinung anderer unterstützt, weil Ihnen das Thema egal war? Wie oft haben Sie sich schon anderen angeschlossen, weil Ihnen die Person wichtig war (und nicht das Thema)? Wie oft ging diese Entscheidung eigentlich gegen Ihre persönliche Präferenz und war in der Folge schwer zu tragen?

Jetzt erfolgt die Entscheidung im Stillen. Jeder trifft seine eigene Entscheidung. Räumen Sie Zeit ein, dass jeder seine Punkte vergeben kann. Es dauert nicht lange, jeder braucht dafür vielleicht maximal fünf Minuten (eher weniger).

Ziel: Jede Person vergibt auf seiner Karte oder seinem Blatt seine persönlichen Widerstandspunkte.

To do: Informieren Sie die Mitglieder über die Regeln des SK-Prinzips und die Punkte. Erklären Sie kurz was sie machen sollen. Händigen Sie dazu Entscheidungskarten aus (z.B. Moderationskarten, Blatt Papier).

Ob die Ergebnisse abschließend anonym eingesammelt werden oder die einzelnen ihre Punkte für die Gesamtübersicht in den Raum rufen, ist Ihre Entscheidung. Es kommt darauf an wie stark die Vertrauensbasis ist. Wenn Sie die Methode das erste Mal einsetzen, ist vielleicht ein anonymes Vorgehen ratsam. Mit der Zeit bildet sich in den meisten Gruppen der Wunsch nach einem schnellen Vorankommen, so dass Entscheidungen unkommentiert notiert werden können.

Bei Teams, die mit der Methode vertraut sind, reichen auch 5er-Skalen. Diese fortgeschrittene Methode können Sie per Handabstimmung (5 Finger = 5 Punkte, Faust = 0 Punkte) einsetzen, indem bei öffentlichen Entscheidungen die entsprechende Fingeranzahl angezeigt wird. Voraussetzung hierzu ist eine vertrauensvolle Atmosphäre und Vertrautheit mit der Methode.

Konsens ermitteln

Wenn alle Punkte verteilt sind, können Sie zum Feststellen des Ergebnisses übergehen, was in unserem Beispiel so aussehen könnte:

Beispiel SK-Prinzip

Beispiel SK-Prinzip

Sie sehen, dass einige Mitglieder eine Zahl mehrfach eingesetzt haben, das macht nichts. Es entspricht dem persönlichen Empfinden. Die drei Kollegen (Spalten rechts) saßen wohl nebeneinander und haben versucht durch „interne Abstimmung“ ihren Wunsch durchzusetzen. Es ist ihnen nicht gelungen.

Donnerstag und Freitag jeweils im Vormittag sind die für die Gesamtheit des Teams tragfähigen Zeiträume. Da jeweils ein Mitglied einen hohen Widerstand hat, lassen sich mit Hilfe von Dauer und Intervall vielleicht Entgegenkommen realisieren. Auf Basis dieser Entscheidung lassen sich nun Gespräche darüber führen.

Fazit

Es wird nicht gelingen, es allen recht zu machen. Das gelingt bei keiner Abstimmungsmethode. Mit dem SK-Prinzip geht es darum, Widerstände zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, die für die Gesamtheit tragfähig sind.

Hier geht es nicht darum, dass ein einzelner um seine Präferenz wirbt um eine Mehrheit hinter sich zu bringen.

QM-Tutorial zum SK-Prinzip

Wenn Sie neugierig geworden sind, lade ich Sie zum QM-Tutorial ein. Darin werde ich die Methode mit einem anderen Beispiel vorführen, wenn es um Änderungen geht. Im Changemanagement ist das SK-Prinzip eine hervorragende Methode.

 

Foto © Barbara Nobis | pixelio.de

 

 

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