Quark des Monats: Weg von der Unterschreiberitis

Quark des Monats Lesezeit: 3 Min.
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In den vergangenen Monaten gab es einige Momente, in denen ich mich (erfreut) gewundert habe, was doch möglich ist. Ich rede nicht von Digitalisierung und Remote-Meetings, sondern von kontaktlosen Paketübergaben.

Zweifel an der Sinnhaftigkeit

Das Bestätigen des Paketerhalts per Unterschrift erschien mir unumstößlich. Dabei hege ich meine Zweifel an der Sinnhaftigkeit, die durch verschiedene Erfahrungen genährt ist. Mir wurde schon gelegentlich per Mail der Erhalt eines Paketes bestätigt, dessen Empfang ich sogar persönlich quittiert haben soll. Trotz Mail wusste ich nicht, wo das Paket angekommen war. Auf Nachfrage beim Paketdienst wurde mir eine Unterschrift gezeigt, die von meiner nicht weiter weg sein könnte. Letztlich wurde es mir aus der Nachbarschaft glücklicherweise hinterher getragen.

Selbst Banküberweisungen, bei denen doch die Unterschrift immer heilig zu sein schien, funktionieren inzwischen ohne Wachs und Siegel.

Unterschrift als Ritual

Nun bin ich auf dem Land angekommen, wo bei der zuverlässigen Zustellung von Paketsendungen das Vertrauen in den Stammzustellerinnen und -zustellern liegt. Es geht ein wenig entspannter zu, wenn ich mal nicht da bin. Das Paket liegt dann wirklich am gewünschten Ort. Liegt es wirklich nur daran, dass auf dem Land die Uhren anders ticken als in der Stadt (oder umgekehrt)? Auch hier wurde das Unterschriftsritual bei Paketübergabe hochgehalten – bis auf einmal das Prinzip „kontaktlose Übergabe“ ausgerufen wurde. Mir ist noch niemand begegnet, der oder die sich darüber beklagt hat, nun nicht mehr unterschreiben zu dürfen.

Wert der Unterschrift ist gesunken

Lange Zeit habe ich selbst die Meinung vertreten, dass eine persönliche Unterschrift das Verantwortungs- und Bewusstseinszentrum der unterschreibenden Person stärker berühre als bloß zuzuhören oder zu lesen. Mittlerweile sehe ich die Notwendigkeit von Unterschriften anders, weil ich viel Unsinn beobachten konnte und immer noch kann.

  • „Für den Kollegen unterschreibe ich mit, der kommt ja gleich.“
  • „Ja, ja, gib her, ich unterschreibe schon mal. Lese ich gleich.“
  • „Ich muss noch schnell unterschreiben, dass ich hier war. Ich putz dann später, oder morgen.“

Vertrauen oder Misstrauen?

Wogegen sichern wir uns eigentlich permanent ab? Die Unterschreiberitis ist juristischen Ursprungs. Wer unterschreibt, bestätigt mit seiner Unterschrift, etwas gelesen, getan oder in Empfang genommen zu haben. Das ist grundsätzlich in Ordnung. Nur funktioniert dieses Prinzip nicht mehr bzw. nur noch einseitig. Wer unterschreibt, „klebt am Fliegenfänger“, weil die Unterschrift ihre juristische Bedeutung natürlich nicht verloren hat. Allerdings ist die Aufmerksamkeit nicht mehr so hoch. Während meiner Berufsausbildung habe ich noch den Satz gehört „Ich will doch wissen, was ich unterschreibe“. Wissen war da noch ein Synonym für „verstehen“ und nicht für „visuell zur Kenntnis nehmen“.

Es gibt nur noch wenige Menschen, die gründlich lesen und überlegen, bevor sie unterschreiben (dafür habe ich keine belegbaren Zahlen, es ist mein Eindruck). Aber es gibt sehr viele Situationen, in denen eine Unterschrift verlangt wird. Die Verhältnismäßigkeit stelle ich infrage. Eigentlich brauchen wir den ganzen Arbeitstag zum gründlichen Studieren des Textes.

Manche Texte sind eine Zumutung

Mir geht es nicht um „früher war alles besser“, denn den Satz finde ich unsinnig. Schriftgröße, unverständliches Fachkauderwelsch, miserable Übersetzungen und Umfang der Texte tragen dazu bei, dass kaum jemand mehr lesen möchte. Oder haben Sie schon mal an der Kasse eines Kaufhauses die Rückseite des Zettels studiert, bevor Sie Ihre Erlaubnis zur Abbuchung des Betrages unterschrieben haben? Wer das tut, wird vom Kassenpersonal und noch mehr von den Menschen in der Warteschlange der Kasse als schräger Vogel eingestuft. Nicht der Mensch ist bizarr, sondern die technische/juristische Lösung. Zumal inzwischen Zahlung per Smartphone und kontaktlose Kartenzahlung dem gegenübersteht (sogar auf dem Land!).

QM sichert sich ab?

Qualitätsmanagement hat immer noch den Ruf, bürokratisch zu sein. Für manche Menschen sind QM und Bürokratie sogar Synonyme. Tatsächlich wird in vielen Unternehmen eine Kultur des sich Absicherns gepflegt, ob aus Gründen der juristischen Notwendigkeit oder Misstrauen ist eine Frage der Perspektive.

Eine Geschäftsführerin meinte mal mit dem Blick für den geschäftlichen Alltag: „Das muss anders gehen. Es kann doch nicht sein, dass wir wirklich alles mit Unterschriften belegen müssen! Da kann ich mir ja gleich ein Klemmbrett auf den Rücken schnallen.“

Lieber eine Kultur des Vertrauens

Es ist an der Zeit, sich mehr um die Kultur im Unternehmen zu kümmern und nicht ums Absichern und Abheften. Was für das Unternehmen nach wie vor juristische Beweiskraft hat (z. B. Prüfprotokolle, die das Produkthaftungsgesetz berühren) muss Unterschriften tragen, das steht für mich außer Frage. Ich stelle aber sehr infrage, ob alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einer Teamsitzung reihum das Protokoll abzeichnen müssen, nur weil jemand meint, dass dadurch der Inhalt wahrgenommen werde. Eine Unterschrift zu fordern ist einfach, aber nicht immer konstruktiv.

Starkes QM kann Entwicklung fördern

Qualitätsmanagement ist inzwischen so stark etabliert, dass wir mit seinen Strukturen Entwicklungen fördern können. Wohlgemerkt: fördern! QM ist ein Faktor für die Unternehmensentwicklung in Richtung Vertrauen. Dazu gehört auch die Zuverlässigkeit von Dokumentationsprozessen. Diese Entwicklung benötigt Vertrauen und nicht bloß das Übertragen von analogen Prinzipien ins Digitale.

Klickeritis ist die Nachfolge der Unterschreiberitis. Das Prinzip ist das gleiche. Sie kennen doch die größte Lüge im Internet? „Habe die AGB gelesen und akzeptiert.“

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