Quark des Monats: Es ist nett, wichtig zu sein.

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Aber es ist wichtiger, nett zu sein.

Manchmal bleibt mir mitten im Gespräch der Mund offen stehen. So war es kürzlich als ich mich mit einem Herrn unterhielt, der sehr engagiert über seine Arbeit und „seine Leute“ sprach. Eine Führungskraft mit Leib und Seele, so hatte ich den Eindruck, Geschäftssinn, unternehmerisches Denken und obendrein ein Herz für Menschen, ohne Angst vor klarer Führung. Toll. Und dann kam der Moment, in dem mein Mund offen blieb und der seine Story für den Quark des Monats nominierte:

Über 20 Jahre war er im Unternehmen, als er gekündigt wurde. Das kann vorkommen, das regt mich noch nicht auf, auch wenn es persönlich tragisch ist. Erstaunlicherweise regte ihn das auch nicht so sehr auf. Er war darüber empört, WIE die Kündigung vollzogen wurde.

Eines Montags wurde er zu Arbeitsbeginn ins Chefbüro gebeten. Es gab keine negativen Vorkommnisse, also musste es wohl um Informationen gehen, die er zu bekommen dachte. Tatsächlich wurde ihm offenbart, dass von heute an der Junior-Chef seinen Bereich übernehme. Eine Übergangszeit sei nicht notwendig, er werde mit sofortiger Wirkung freigestellt und möge bitte seine persönlichen Dinge vom Arbeitsplatz holen. Eine Verabschiedung von den Kollegen und Kolleginnen sei nicht erwünscht.

Geht’s noch?!! Da ist ein Mensch in seinem Arbeitsbereich anerkannt und wird – ohne dass er den goldenen Löffel hat mitgehen lassen oder sonst wie Anstoß gegeben hat – mal eben vor die Tür gesetzt. Ja, so was mag es geben, dass der Bereich von einem anderen übernommen wird. Geschenkt. Aber wie stellt man sich im Unternehmen denn die weitere Zusammenarbeit in der Abteilung vor? Niemand bekommt die Gelegenheit, sich mit dieser Veränderung anzufreunden geschweige denn, sich von einem Vorgesetzten zu verabschieden.

Eine Übergangszeit wird kategorisch abgelehnt. Mit Verlaub: Ich kenne keine Position, die ohne Übergabe einfach mal übernommen werden kann. Auch nicht, wenn Chuck Norris persönlich die Nachfolge antritt. Selbst wenn der Bereich komplett verändert werden soll, gilt es, einen Status quo ordentlich und sauber zu übertragen.

Die menschliche Seite der Chefetage finde ich verächtlich und wird sich negativ auswirken. Dem Junior-Chef stehen harte Zeiten bevor, denn Akzeptanz findet er so schnell nicht. Die Leistungsfähigkeit der Abteilung wird sinken und Transparenz wird in der Zukunft nur noch ein Lippenbekenntnis sein. Der entlassene Abteilungsleiter geht juristisch gegen den ehemaligen Arbeitgeber vor. Details gehören hier nicht hin. Ich habe Respekt davor, dass er sich nun neuen Aufgaben stellt, sich fortbildet und positive Aspekte sieht – nachdem er, wie er sagte, erst einmal ein paar Wochen seine Wunden lecken musste. Verständlich.

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